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J.Maulbetsch

Blog: "Literatur - oder was man dafür halten kann"

Im Supermarkt des Lebens gehen wir Tag für Tag unseren Weg durch die Regale voller Waren. Bleiben hier und da stehen, schauen uns etwas genauer an und entscheiden uns dann, ob wir es gebrauchen können, oder nicht.
Das was du aus diesem Blog an Ideen gebrauchen kannst, nimm für dich mit. Alles andere lass getrost liegen.




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2020-07-07

Packungsbeilage für das Leben

Eine unserer menschlichen Errungenschaften ist die Packungsbeilage. Diese unscheinbaren, in mehreren Sprachen verfassten Seiten an Papier, die oft ohne gelesen zu werden direkt in den Papierkorb wandern, beschreiben nicht nur technische Details, sondern auch wie diese verwendet werden. Das einzige was ohne Packungsbeilage auf diese Welt kommt sind wir, ist das Leben selbst, sind unsere Kinder.
Von Zeit zu Zeit haben kluge Menschen unsere heiligen Schriften, Geschichten und Mythen verfasst, erzählt aufgeschrieben und weitergegeben die genau das sein sollen: Eine Packungsbeilage für das Leben. Was wir mit diesen Packungsbeilagen anstellen, ob wie diese lesen, diese überhaupt verstehen und was damit anzufangen wissen, ich glaube da geht es uns genauso wie mit den Seiten Papier die bei unserem neuen TV mitgeliefert werden: Viel zu dick, klein geschrieben und in einer Sprache die ich nicht verstehe - Frisch gedrucktes Altpapier.

Im Folgenden möchte ich einen Versuch starten, eine kurz und knackige Packungsbeilage für das Leben zu verfassen. In welcher Reihenfolge diese Punkte erinnert, angewandt, oder „abgearbeitet“ werden, spielt dabei keine Rolle. Alle Punkte verweisen aufeinander und sind daher mehr nebeneinander, mehr wie ein Bild zu betrachten.

1. Folge Regeln die du für Sinnvoll erachtest

Regeln sind immer Situationsabhängig zu betrachten. Das was im einen Moment Medizin ist, kann im nächsten schon Gift sein.

2. Folge keinen Regeln

Folge deshalb auch keinen Regeln. Regeln sind wie Straßen, Autobahnen, Geländer und rote Fäden. Es fährt sich ganz nett mit Regeln, man kann aber nicht viel mehr erleben als das, was diese sterile Welt uns zu bieten hat.
Und vor allem, weil wir uns niemals immer und überall daran halten können: Wir sind Menschen und keine Götter. Und aus genau dem Grund ist es sinnvoll, sich mit den folgenden Punkten auseinander zu setzen. Denn was heißt es, Mensch zu sein, menschlich zu sein? Ist es am Ende doch bloß eine Ausrede dafür, ein Arschloch sein zu dürfen?

3. Sei „Authentisch“, sei „du selbst“ und wenn du es einmal nicht sein kannst, dann ist eben deine „Nicht-Authentizität“ deine Authentizität und dein „Nicht-du-selbst-sein“ dein „du selbst-sein“

Heutzutage wollen wir alle „echt“ sein, wollen wir alle „Authentisch“ sein, aber was verbirgt sich am Ende dahinter?
Eigentlich nur der Wunsch, dass die anderen uns so sehen sollen, wie wir es gerne hätten. Deshalb verletzt es uns auch so sehr, wenn wir unseren eigenen Idealen und Ansprüchen nicht entsprechen können.  Solange wir ein Heimspiel haben und uns auf dem sicheren Boden unseres Wissens und unserer Erfahrungen bewegen, fällt es uns leicht „Authentisch“ zu sein. Doch sobald wir diesen Boden verlassen, oder wir innerlich gestresst sind, was wir so mal überhaupt nicht gebrauchen können, dann verfallen wir ganz schnell in das böse und unauthentische Verhalten, das wir so sehr hassen. Deshalb versuchen wir auch ständig, andere in unseren „Heimatbereich“ hinein zu ziehen. Aber wieso eigentlich? Selbst dieses Verhalten spiegelt akkurat unsere Authentizität und das was wir sind wieder. Wovor wollen wir fliehen? Wieso wollen wir den Moment so wie er ist nicht akzeptieren? Weil wir etwa mit den Rissen in unserem Selbstbild konfrontiert werden?

4. Akzeptiere die Konsequenzen – Bedingungslos

Punkt.
Was nutzt es irgendwelche Wunschvorstellungen in Dinge, Situationen und Menschen hineinzuprojizieren? Das „Was-Wäre-Wenn-Spiel“ unseres Gedankenkarussels mitzuspielen?
Hätte-Hätte-Fahrradkette? Und dann?
Egal welche Gefühle wir Situationen, Dingen und Menschen im Nachhinein entgegenbringen: Es ändert nichts daran. Wir können aber auf den weiteren Verlauf Einfluss nehmen und zwar, wenn wir die Dinge akzeptieren wie diese sind und darauf aufbauend, damit arbeiten.

5. Nimm nichts persönlich

Leichter gesagt als getan… Ohne, dass wir Dinge für wichtig nehmen, wie könnten wir diese Rollen jemals so wunderbar auskleiden?
Doch dürfen wir bei aller Liebe zur Identifikation den Schritt beiseite nicht vergessen, denn Ohne Oben kein Unten. Ohne Feinde, keine Freunde. Und vielleicht erkennen wir dann, dass wir diejenigen nicht hassen brauchen die uns feindlich gesinnt sind, sondern ihnen für das danken, was sie uns so gnadenlos über uns selbst lehren. Das würde eine Person niemals schaffen, die uns und unserer Rolle aus dem Wege geht, oder aber uns so sieht, wie wir wollen, dass diese uns sehen soll.

6. Rede niemals schlecht über dich, oder andere

Wir können keine Gedanken lesen. Alles was wir denken, dass andere über uns denken, projizieren wir in diese Personen hinein. Wir denken, was die anderen denken. Da wir die Ursache dieser Gedanken sind, ist es nur allzu verständlich, dass wir uns selbst und den anderen stets in dem von uns erschaffen Gedankengebäude begegnen. Die ansonsten dunkle Welt ist von dem Licht abhängig, mit welchem wir die Welt ausleuchten. In genau diese Kerbe schlägt auch Kant, wenn er in der Kritik der reinen Vernunft davon spricht, dass wir von der Welt nur das erkennen können, was wir in diese hineinprojizieren. Allerdings dürfen wir nicht den Fehler machen und einseitig beleuchten. Die Welt lebt doch gerade von ihrer Vielfältigkeit, von ihrer Vielschichtigkeit. Unsere Gedanken und Theorien müssen an der Wirklichkeit und der Wirklichkeit der anderen scheitern dürfen und können. Nur so können wir herausfinden, welches Licht wo und wie am besten zu gebrauchen ist.

7. Handle stets aus Liebe

Noch so etwas das leichter gesagt, als getan ist. Zumal die Frage ist: Was ist Liebe?
Und vor allem, wenn es uns gut geht und unsere Bedürfnisse befriedigt sind fällt uns das umso leichter. Wenn es uns schlecht geht und unsere Bedürfnisse hungrig sind, dann behüte uns Gott, wenn wir noch zu diesem grimmig drein schauenden Menschen auch noch freundlich sein sollen…
Hermann Hesse beschreibt es im Siddharta ganz gut, als Siddharta beim Kaufmann in die Lehre geht und seine Geschäfte ohne diese persönlich zu nehmen, mit einer gewissen Distanz handhabt. Er ist zu allen Menschen denen er begegnet gleich, egal ob Bettler, Sklave, Herrscher, seiner Frau, oder einem Kind. Allen bringt er denselben Respekt und dieselbe Würde entgegen.
Aus dieser Distanz heraus, kann selbst Gewalt aus Liebe heraus geschehen. Hier sei an die Geschichte von Christus erinnert, der die Händler aus dem Tempel jagt. Auch bei der Kindererziehung begegnet uns diese Gewalt aus Liebe: Hart und Konsequent sein, auch wenn es dem Kind schmerzt. Das was das Kind durch diese Erfahrung lernen wird ist dabei umso wertvoller, da es im zukünftigen Leben vor so manch verhängnisvollem, bewahrt werden wird.

8. Frage dich:  Woher kommt ein Impuls, Gedanke, Emotion?
              Und:    Wie verhalten sich diese? Sind diese Hilfreich?

Wir kennen doch alle, das Gedankenkarusell: Blabla bla bla abalabla…
von morgens bis abends: bla blablabl balblalbal bala….

Manchmal sinnvolles dabei, oft aber nur Schrott und gequirlte Scheiße. Wie oft haben wir schon mit uns selbst gestritten, auf Gedanken reagiert und sie durch noch mehr Gedanken versucht zu verscheuchen und zum Schweigen zu bringen…
Als ob wir uns selbst schlagen und indem wir die Hand dafür mit Prügel strafen, dem ein Ende setzen wollen.
Buddha lehrte: Beobachte und spüre den Atem.

Beobachte einmal woher die Gedanken und Emotionen kommen. Was der Ursprung ist, weswegen wir unbedingt darauf mit Gedanken, Emotionen, oder gar Handlungen reagieren müssen. Nur beobachten, nicht reagieren. Das wird am Anfang sehr schwer fallen, vor allem weil wir uns aufregen werden, dass es wieder nicht geklappt hat.  Und wir wieder uns selbst auf den Leim gegangen sind. Wir wieder so dumm waren und wie ein Hund unseren eigenen Schwanz jagen… Aber selbst das ist eine Reaktion wo wir uns Fragen müssen: Woher kommt dieser Impuls? Weil wir sein wollen wie Buddha? Wir keine Ahnung haben wie „es richtig geht“? Weil wir vergessen zu fragen, was unsere Gedanken denn meinen, wenn diese uns irgendwas vorhalten, uns etwas vor-stellen?
Mit der Zeit wird es immer besser klappen und eines Tages, werden wir hier und da den Gedankenfreien und blauen Himmel unseres Geistes genießen können. Und es ebenso genießen können, wenn wir Gedanken haben.

Die zweite Frage ist, ob diese Gedanken hilfreich und sinnvoll sind. Nicht nur auf den Ort bezogen, von welchem diese kommen, also der Erinnerung, Situation, Emotion, etc. Sondern auch bezogen auf den jetzigen Moment: Ist es jetzt gerade sinnvoll? Und sich hier noch eine andere Frage stellen, die Eckhardt Tolle gerne stellt: Welche Probleme habe ich in genau diesem Augenblick, wenn ich schon im nächsten Augenblick tot sein kann?
Wie verhalten sich diese Gedanken, wenn se beobachtet werden?

9. Tue unangenehme Arbeit

Arbeit erledigt sich nicht von alleine. Punkt. Und irgendwer muss die Arbeit tun und wieso will ich es nicht? Weil ich etwa zu bequem bin? Es den Anzug meiner Ehre beschmutzt? Wieso sollte ich andere in die Scheiße schicken, wenn ich selber nie darin stand?
Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert. Wieso nicht: „Ist der Anzug erst ruiniert, dann lebt es sich ganz ungeniert?“

10. Höre anderen aufmerksam zu.

Wie oft nutzen wir unsere eigenen Redepausen doch nur dazu, um die nächsten vernichtenden Argumente fein säuberlich zu ordnen. Die nächsten  Schläge vorzubereiten und merken dabei gar nicht, dass wir überhaupt keine Ahnung haben wovon wir reden und was überhaupt Inhalt und Sinn unserer aktuellen Diskussion ist. Und vor allem, dass es kein Dialog, sondern ein gemeinsamen Monologisieren ist.
Höre aufmerksam zu, dann wird hier und da klar, ob Sinn und Inhalt des Gespräches persönliche Gefühle sind die wir haben, die wir Begriffen, Dingen und Ideen entgegenbringen, wir uns also eigentlich nur über unsere Gefühle unterhalten, diese aber in Phrasen, Begriffe und Konzepte aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Technik, etc. pp  kleiden. Und dann glauben, dass ein Konzept Schrott ist, nur weil wir eigentlich mal so richtig Dampf ablassen wollen und dazu nur eine Pinata gebraucht hatten, die wir mit unseren Gefühlen verwechseln…
Worüber spreche ich, wenn ich den Mund aufmache? Worüber spricht mein Gegenüber, wenn er/sie den Mund aufmacht?
Oder unterhalten wir uns über subjektive Sichtweisen, verschiedene Perspektiven auf Dinge in der Welt. Und wieso sollte dann die eigene Position richtig sein, oder die des anderen? Wieso nicht eine dritte? Gilt es nicht gerade das herauszufinden?
Oder haben wir den vermeintlichen Boden der Psychologie verlassen und nutzen unsere Stimmung, um uns tatsächlich über Konzepte, Ideen und Begriffe austauschen? Nur: in welchem Kontext nutzen wir diese? Und was hat Wittgenstein damit zu tun?

11. Antworte auf Hass mit Liebe. Kannst du es nicht sofort, dann beobachte und warte auf den Moment, in dem du es kannst.

Feuer mit Feuer löschen zu wollen, ist genauso sinnvoll wie einen ins Rollen gekommenen Güterzug mit unserer Körperkraft aufhalten zu wollen.
Im Judo geht es um etwas anderes: Beantworte Kraft nicht mit Kraft, sondern akzeptiere was da ist. Gib nach. Stelle dich auf die Seite der ankommenden Kraft und mache diese zu deinem Verbündeten. Nutze diese kostenlose Quelle an Energie und arbeite damit.
Es geht nicht darum, „freundlich“ zu bleiben, wenn jemand anderes uns gegenüber zum kotzen ist. Dann kotz doch einfach mit. Aber pass auf, wo du hin kotzt. Es ist niemandem geholfen, wenn sich nur die Farbe der Pinata ändert. Ändere das Spiel! Bekotz deine Rolle, die du gerade spielst ohne dich damit zu identifizieren. Kotz dich richtig drüber aus und achte darauf, dass ihr beide euch auch genug einsaut. Warum? Weil wir alle einmal einen beschissenen Tag haben und was wir da am wenigsten brauchen können sind Moralapostel, oder Menschen die sich „mit uns anlagen“, die uns eigentlich nur spiegeln. Aus eigener Erfahrung wissen wir doch: Wir lernen nix daraus. Am meisten lernen wir doch, wenn wir einen Freund haben, Jemand der / die uns versteht, zur Seite steht, weil er / sie erkannt hat, dass wir eigentlich nur einen schlechten Tag haben und mit uns über die absurde Situation abkotzt, anstatt den Schwachsinn mitzuspielen, der uns sowieso schon den ganzen Tag an unseren Nerven sägt.

12. Suche den Pfeil der Leben schafft

Wörter sind wie Kugeln, wie Pfeile, wie Schläge: Einmal abgeschossen, können wir sie nichtmehr zurück nehmen.
Kugel und Pfeile töten, Schläge zeigen Grenzen an - doch das ist nur ein Teil des Lebens. Was ist mit den Wörtern die Leben schaffen?

Admin - 09:54:02 | Kommentar hinzufügen

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